Bibelarbeit zur Sintflut-Geschichte 1. Mose 6 – 9

Rückblick auf eine Vorbereitung auf den Bodensee-Kirchentag

Vor der Sintflut

 

5, 29: Die eigentliche Wurzel des Namens ‹Noah› kommt von einem Wort, das mit ‹ruhen› übersetzt werden kann. Gedeutet wird sein Name hier aber mit einem Wort, das in der Geschichte von der Sintflut eine wichtige Rolle spielt: Noah ist derjenige, der den Menschen Trost bringt und sie aufatmen lässt von der Mühsal der Arbeit und der Trauer über den Fluch, der seit der Vertreibung aus dem Paradies auf dem Ackerboden liegt (3, 17). Denn Noah ist nach biblischer Zählung die zehnte Generation seit der Schöpfung und die erste Generation nach dem Tod Adams.

 

6, 1 – 4: Ein umstrittener Text leitet die Sintflut-Geschichte ein. Und doch gehört er dazu, denn er nimmt manche Themen der bisherigen Erzählungen auf. Weiterhin will der Mensch so wie ein Gott sein. Von Göttersöhne ist die Rede, die sich einfach nehmen, was sie für gut befinden und was ihnen gefällt, so wie der prahlende Lamech für sich zwei Frauen nimmt (4, 19) oder so wie Pharao, der ein Sohn der Götter sein wollte. Geht es bei den Riesen und Helden also um ‹Übermenschen› oder wie in den babylonischen Vorbildern (Gilgamesch) um den Wunsch nach Unsterblichkeit? Gott aber begrenzt die Lebenszeit und erinnert daran, dass Menschen der Vergänglichkeit unterworfen bleiben.

 

6, 5 – 7: Gott sieht, dass die Gedanken und Planungen, die Begehrlichkeiten und Einbildungen des menschlichen Herzens schlecht und unbrauchbar sind. Das bewirkt bei Gott eine Sinnesänderung, die mit dem so wichtigen hebräischen Wort ‹nicham› beschrieben ist. Es drückt Reue und Wut aus, ein tiefes Atmen und Seufzen, denn es bekümmert ihn und geht ihm zu Herzen, was er sieht. Es ist ihm leid (Martin Buber), was er gemacht hat, und darum will er rückgängig machen, was er geschaffen hat.

 

6, 8 – 9: Gleichzeitig kommt mit dem hebräischen Wort ‹chen› eine andere Seite Gottes zur Sprache, denn Noah findet Gnade, Wohlwollen, freundliche Zuneigung. Die Zerstörung kann nicht Gottes letztes Wort sein, und darum geht die Geschichte weiter. Doch schon der nächste Vers sieht den Grund für Gottes Retten darin, dass Noah gerecht und vollständig ist und mit Gott wandelt. Es ist ein Widerspruch, der auch in den verschiedenen Gottesnamen JHWH (8) und Elohim (9) zum Ausdruck kommt.

 

6, 10 – 13: Widersprüchlich geht es weiter. Die drei Söhne Noahs stehen für den neuen Anfang der Menschheit, und damit wird auch die Verschiedenheit der Menschen gerettet. Andrerseits wird der Beschluss Gottes bestätigt, die verdorbene Erde zu verderben, und der Grund ist jetzt das hebräische Wort ‹chamas›: die Gewalt, also dass die Menschen, die er zu seinem Bild geschaffen hat (9, 6), einander weh tun. Das ist es, was Gott schmerzt.

 

6, 14 – 17: Es folgt die Anweisung zum Bau der Arche, die kein Schiff ist, sondern ein Kasten. Das hebräische Wort ‹tewa› kommt zweimal in der Bibel vor, ausser bei Noah nur bei der Rettung des kleinen Mose im Wasser. Die Beschreibung ist schwer übersetzbar, es ist ein abgedichteter Schutzraum und nicht historisch zu veräusserlichen. Eine jüdische Tradition sieht die Arche als das geschriebene Wort, das einzig vor dem Untergang retten kann. Die Sintflut (‹umfassende, dauernde› Flut) ist hebräisch eine ‹mabbul›, eine grosse Verwirrung, ein Verlorengehen in der Vergänglichkeit der Zeit, die fliesst wie das Wasser. Gott macht seine Schöpfung rückgängig, die Wasser oben vermischen sich mit den Wassern unten. Es kommt die Urflut wie am Anfang (1. Mose 1, 2 und 7, 11).

 

 

Nach der Sintflut

 

8, 15 – 19: Gegen seinen eigenen Beschluss der Vernichtung hat Gott alles Leben gerettet. «Und es kribbelt und und wibbelt weiter» (Theodor Fontane). Alle verlassen die schützende Arche, um sich auf der Erde zu vermehren. Noah, seine Frau, seine Söhne und deren Frauen stehen für den neuen Anfang. Im Neuen Testament werden sie zum Zeichen für das, was ‹Taufe› bedeutet: 1. Petrus 3, 20: in den Tagen, da Noah die Arche baute; wurden in ihr ein paar wenige, nämlich acht Seelen, gerettet durch das Wasser hindurch. Dieses rettet jetzt auch euch, im entsprechenden Bild der Taufe. Darum sind Taufsteine und Taufkirchen ursprünglich achteckig.

 

8, 20 – 22: Als erstes baut Noah einen Altar und bringt Gott (JHWH) ein Brandopfer. Dabei geht es nicht um die blutige Befriedigung eines zornigen Gottes, sondern das Opfer ist Hingabe und Zeichen der Gottesbeziehung Noahs. Auch das Riechen Gottes ist ein Beziehungswort, Ausdruck seiner Freude an der geretteten Menschheit. Und so sagt er zu sich selber, dass er nie mehr den Erdboden um der Menschen willen geringschätzen wird. Eindrücklich ist nun die ähnliche Begründung, die zur Sintflut geführt hat, nämlich dass das «Trachten des menschlichen Herzens schlecht ist von Jugend an». Es gibt also keinen Grund für die Rettung, ausser dass Gott die Menschen so nimmt, wie sie von Jugend an sind, seit sie also selber bestimmen wollen und sich immer wieder irren. Gott ist bereit, die Fehlerhaftigkeit seines Geschöpfs anzunehmen und schwört, niemals mehr alles Leben zu vernichten, wie er es getan hat. «... ein Mensch mit seinem Widerspruch» (Conrad Ferdinand Meyer). Und so widersprüchlich und voller Gegensätze ist auch die Welt, in der er lebt (mit Licht und Schatten, Sommer und Winter, Leben und Tod).

 

9, 1 – 3: Diese so widersprüchliche Welt ist wie die erste Schöpfung eine von Gott gesegnete Welt, auch wenn es nicht das Paradies ist, wo alle Lebewesen eine andere Nahrung haben. Jetzt ist es den Menschen erlaubt, Tiere zu essen, und die Tiere ihrerseits fürchten sich vor den Menschen. Das Tieropfer hängt zusammen mit dem Fleischgenuss des Menschen. Tiere werden getötet und ermöglichen den Menschen das Leben.

 

9, 4: Damit verbunden sind jedoch Einschränkungen. Aus Respekt vor dem Tier ist es dem Menschen verboten, Fleisch zu essen, das noch lebt. Denn das Blut, das im Körper fliesst, ist Ausdruck der lebendigen Seele, und darum ist im Judentum der Blutgenuss nicht erlaubt. Das Blut verbindet die Seele mit dem Fleisch, und die Menschen dürfen nicht über die Seele der Tiere verfügen.

 

9, 5 – 6: Andrerseits darf kein Tier einen Menschen töten. Gott wird das Blut und die Seele der Menschen, die ihm gehören, von den Tieren einfordern. Und vor allem fordert Gott den Schutz des menschlichen Lebens vor seinen Mitmenschen. Jeder Mord ist Brudermord, und gegen die Gewalt wie vor der Sintflut hält Gott schützend die Hand über jeden Menschen, der wie bei der Schöpfung als Bild Gottes geschaffen ist.

 

9, 7 – 16: So richtet Gott einen Bund auf mit den Menschen und allem, was da lebt, dass nie wieder eine Sintflut alles Leben zerstören kann. Und mit dem Regenbogen erinnert er sich selber daran, sich nie mehr zu vergessen. Gott gibt diese Welt nicht auf, auch wenn die Menschen so sind, wie sie sind. Der einzige Grund ist seine Güte. Das ist das Evangelium. 

 

Es ist also nicht so, wie manche meinen, dass die Welt am Anfang einmal gut war und die Menschen dann alles verdorben haben. Diese Welt ist, wie sie ist, voller Widersprüche, aber trotzdem eine von Gott gesegnete Welt, eine Welt, die Gott rettet, schon ganz am Anfang und nach der Sintflut und dann immer wieder. Darum geht es schliesslich auch im Neuen Testament und zuletzt in der Geschichte unseres eigenen Lebens. 

 

Markus Sieber